Orte mit Zukunft


Aktuelle Einblicke in spannende Projekte, Diskussionen und Konzepte rund um Zukunftsorte. Entdeckungen in Presse, Fachliteratur und Web kombiniert mit eigenen Erfahrungen und Beobachtungen. Frisch aufbereitet, kommentiert und in einen Kontext gesetzt.
Der mentale Wandel innerhalb Deutschlands vom Einwanderungsland wider Willen zur Begrüßung einer vielfältig kulturellen Gesellschaft folgt der Realität mit Verzögerung. Dabei ist unser wirtschaftlicher Wohlstand und gesellschaftlicher Reichtum eng verbunden mit dem Beitrag und der Teilhabe von Menschen anderer Herkunft.
Großstädte wie Stuttgart, Hamburg oder Frankfurt weisen eine Fluktuationsrate von etwa 8% der Bevölkerung auf mit leicht positivem Wanderungsgewinnen. Dieser Trend ist anhaltend stabil über die letzten 5-10 Jahre. Die Gruppe der Neubürger umfasst Fachkräfte, Hochqualifizierte, Studenten, Wissenschaftler, Heim- und Rückkehrer, Pensionäre, Familien aus dem In- und Ausland. Bisher jedoch fehlt es an übergeordneten strategischen Konzepten zur Begrüßung von Neubürgern. Aktuell werden neu ankommende Personen differenziert nach deren Herkunft und Situation (EU-Einwanderer, Studenten, Drittstaaten, Asylbewerber, etc.) durch ein verwirrendes System an unterschiedlichen Behörden und Anlaufstellen in Empfang genommen. Aufgrund der Unübersichtlichkeit und fehlenden Sichtbarkeit vieler Einrichtungen werden wertvolle und kostenintensive Unterstützungsangebote gar nicht erst in Anspruch genommen. Ein Gefühl der Wertschätzung und des Willkommensseins wird sich hier schwerlich einstellen – genauso wenig ein Mehrwert für die jeweilige Stadt/Region. Somit ist auch nicht bekannt, welche Erwartungen und Wünsche Neubürger an ihre neue Umgebung haben, in welchen Bereichen sie konkrete Unterstützung benötigen und welche Verbesserungsmöglichkeiten sie sehen. Zudem tragen Neubürger mit ihrer Arbeitskraft, ihrem Talent und ihren Ideen maßgeblich zum Wohlstand bei. Auf der anderen Seite verlieren Städte im nahezu gleichen Ausmaß Ressourcen und Knowhow durch Abwanderung ins Umland oder darüber hinaus.
Der Wirtschaftsstandort Deutschland ist aufgrund des demografischen Wandels auf Einwanderung (von Fachkräften) angewiesen und befindet sich damit in Gesellschaft mit zahlreichen anderen Ländern, die in den nächsten Jahrzehnten schrumpfen werden. Gemäß dem Fachkräftemonitor der Industrie- und Handelskammern werden in Baden-Württemberg zwischen 2013 und 2030 durchschnittlich 220.000 Fachkräfte fehlen – darunter 67.000 allein in der Region Stuttgart; bundesweit sind 860.000 Stellen unbesetzt (Q3/2012). Dazu zählen Ingenieure, andere Akademiker und nicht-akademische qualifizierte Fachkräfte. Einer der zentralen Forderungen an die Politik ist eine verbesserte Willkommenskultur für ausländische Fachkräfte zu etablieren.
Die Attraktivität einer Region/Stadt/Land spiegelt sich in dem generellen Umgang mit Vielfalt in der Gesellschaft, der Toleranz und Wertschätzung gegenüber Menschen anderer Herkunft und ihren bisherigen Leistungen. Aktuell leben in der Bundesrepublik bereits mehr als 15 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund aus den unterschiedlichsten Motiven, Kulturen und Schichten. Durch die Krisen v.a. in Südeuropa ist eine verstärkte Zuwanderung insb. aus Spanien, Griechenland und Italien festzustellen.
Eine zunehmend globalisierte Informations- und Wissensgesellschaft forciert einen Anstieg beruflicher und gesellschaftlicher Mobilität. Gleichzeitig verliert die Verbundenheit zum Standort insb. in Großstädten in der Folge immer mehr an Bedeutung. Für das Erleben des Gefühls nirgends zu Hause zu sein, der Heimatlosigkeit verwendet die Wissenschaft den Begriff „Disembedding“. Eine höhere Anfälligkeit besonders für Depression und psychosomatische Erkrankungen wird hiermit in Verbindung gebracht.
Petra Pinzler räumt in der aktuelle Zeit No. 19 in ihrem Artikel über arme, junge, kluge Einwanderer auf mit dem Bild der Armutseinwanderung. Ein lesenswerter Artikel der die Sicht von Bevölkerung, Politik und Wirtschaft zur Zuwanderung in den Blick nimmt und der Realität gegenüberstellt. Neben den rechtlichen Verbesserungen sieht aber auch Sie „Schwierigkeiten bei der ‚Willkommenskultur’, all den kleinen Zeichen die dafür sorgen ob jemand gern oder ungern hierher kommt.“
Wie so etwas gehen kann dazu passt super die Idee in der nächsten Folge...
heißt das neu erschienene Werk vom renommierten Hirnforscher Gerald Hüther, Potentialentfaltung in Städten und Gemeinden der vielsagende Untertitel. In dem Buch nimmt er den Lebens- und Erfahrungsraum Kommune in den Blick. Kommune als Klammer im Sinne der ursprünglichen Wortbedeutung Gemeinschaft, die Familien, Dörfer und Städte im Innern zusammenhält. Der Zeitgeist spricht von Beziehungskultur. Und doch steht am Anfang eine Diagnose, die stocknüchtern die Situation aufgreift, wie sie allgegenwärtig ist in den Kommunen weiter draußen im Lande. Die Abwanderung der jüngeren Bürger, die Schließung von Schulen, das ausgedünnte Angebot an medizinischer Versorgung, der Nachwuchsmangel der Vereine und dem immer schwierigeren Leben für die Älteren vor Ort. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Hüther sieht herkömmlich praktizierte Muster der Einsparung und Effizienzsteigerung kritisch, umso mehr wenn sie im Widerspruch mit gleichzeitigem Wachstumsstreben stehen. Er fragt sich ob eine Entfaltung der Potenziale entlang der vor Ort vorhandenen Möglichkeiten, das miteinander verbunden sein und miteinander wachsen möglich sei um einen zukunftsfähigen Pfad zu beschreiten. Und sich auf diese Weise soziale Erfahrungsräume schaffen lassen, die an die Stelle der traditionellen (Groß-)Familien treten. Dort können Heranwachsende lernen worauf es im Leben ankommt, wie man sein Leben gestaltet, wie man seinen Teil der Verantwortung für dieses Zusammenleben übernimmt. Kommunen, die nicht mehr nur Verwaltungsgemeinschaften sind - eine Ansammlung von Individuen, die einseitig auf eigene Interessen und Ziele ausgerichtet sind und nicht mehr das Gemeinwohl im Blick haben. Kommunale Intelligenz bedeute, den wahren Schatz, die der Gemeinschaft innewohnenden Begabungen und Talente, zu entdecken und zu entfalten.
Das sind einige der spannenden Gedanken die Hüther in seinem Buch erläutert und zu einem Plädoyer für die Revitalisierung kommunaler Gemeinschaften verdichtet. Nachzulesen auf kompakten 125 Seiten im Kleinformat, herausgegeben von der edition Körber-Stiftung: ISBN 978-3-89684-098-1
Der Ort hinterlässt auf den Außenstehenden ein widersprüchliches Bild. Da ist einerseits die landschaftlich reizvolle Umgebung, die sanft ansteigenden, bewaldeten Hänge, die sofern sie im Ortsbild sichtbar sind einen eindrucksvollen Kontrast zum Straßenraum und der historischen Bebauung bilden, die wiederum in ihrer Geschlossenheit und Qualität ein eindrucksvolles Spiegelbild mittelalterlicher Baukunst formt. Und da ist auf der anderen Seite die gefühlte Enge und Abgeschnittenheit zwischen den aufgehenden Hängen und den dicht an dicht stehenden Häusern ebenso wie die Zeugen wirtschaftsstruktureller Veränderungen in Form von abwirtschafteten Gewerbestandorten und zahlreichen leer stehenden Gebäuden und Ladengeschäften.
Zeichen von Modernität oder des Aufbruchs sucht man vergebens, vielmehr wirken ein Großteil der alten Gebäude sich selbst überlassen - fast als hätte sich mit dem letzten Auszug die Hoffnung auf neue Nutzer oder Bewohner gleich mit verabschiedet. Der Ort - so scheint es - ist mehr der Vergangenheit verhaftet, als dass die Bewohner die Auseinandersetzung mit der Zukunft suchen, mit aktuellen Anforderungen an Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Lernen umzugehen.
Die Aufgabe eine Perspektive für neues Leben in der alten Umgebung zu entwickeln und einen Weg vorzuzeichnen der Vorteile erkennt, z.B. eine kompakte Form, ein identitätsstiftendes Ortsbild, keine störende Industrie- und Gewerbeansammlungen oder ein hoher Erholungs- und Freizeitwert wo andere schwierige Rahmenbedingungen (schlechte Lage, wenig Licht, alte Gebäude, kaum Erweiterungspotential) als Erklärung fürs Nichtstun hernehmen ist überfällig. Mehrere Jahre, die ins Land gegangen sind, hätten bereits genutzt werden können um Strukturen zu schaffen die eine Trendwende zu mehr Vitalität und Attraktivität bedeuten. Die Hoffnung auf eine große Einzellösung hat sich zerschlagen. Vor dem Ort liegt ein mühsamer Weg des sich aus vielen kleinen und größeren Etappen zusammensetzt, um Schritt für Schritt - bedachtsam aber stetig - einen zukunftsfähigen Pfad zu beschreiten. Verwaltung, Bürger und die vor Ort ansässigen Akteure haben es selbst in der Hand den weiteren Verlauf ihres Ortes zu bestimmen und einen Entwicklungsimpuls einzuläuten. Dazu sind Sie wie andernorts auch, auf Hilfestellungen und Zusammenarbeit mit öffentlichen Einrichtungen, privaten Büros und Unternehmen angewiesen.
Kommt das nicht dem ein oder anderen bekannt vor? Orte im demografischen und wirtschaftlichen Niedergang zwischen all den prosperierenden Zentren mit Wohnungsnot, steigenden Mieten und boomender Wirtschaft. Sie liegen vornehmlich in ländlich geprägten Räumen, etwas zu weit entfernt von den Arbeitsplätzen. Im Spannungsfeld zwischen Resignation und Hoffnung. Auf die Trendwende. Wer kennt die Lösung; wer investiert in sie? Wie sieht sie aus, die Zukunft dieses x-beliebigen Ortes?
Zum Abschluss des Jahres wird traditionell analysiert und nach vorne geschaut - Was steht also bevor? Der Deutschland-Atlas auf Süddeutsche.de verrät wohin die Reise geht. Mit der Wanderung des Schiebereglers über die Zeitleiste von 1990 bis 2030 altern die Deutschen, bis sie dunkelrote Punkte werden. Die Punkte, die die Größe der Haushalte darstellen, verfärben sich ebenfalls merklich – bei der Hälfte sinkt der Wert im Zeitraum auf unter zwei Personen je Haushalt. Das Alter der Arbeitnehmer steigt und steigt, wenn auch die großen Ballungszentren im Vergleich von dieser Entwicklung kaum berührt sind. Dass Demografie-Prognosen eine Abkehr von einer ausgeglichenen räumlichen Siedlungsstruktur und einer gemischten Altersstruktur verkünden ist hinlänglich bekannt. Die interaktive Grafik zeigt jedoch auch auf, wie rapide sich dieser Wandel bereits vollzogen hat, das Phänomen das keines mehr ist sondern harte Realität für viele Regionen, Städte und Gemeinden deren Einwohnerzahl schwindet wie den Gletschern das Eis, wo der Gebäudebestand leer fällt und die Anfragen ausbleiben, da sinken die Preise. Als Faustregel gilt: je Prozent Rückgang der Bevölkerung sinkt der Preis bei Wohnungen um 2,2%, bei Häusern um 1,4%.
Wo immer weniger Menschen immer weiter auseinander wohnen, da kommt kein neues Angebot, wenn überhaupt noch Einkaufsmöglichkeiten und eine medizinische Grundversorgung gegeben sind. Das Leben wandert ab, in die Ballungszentren, wo die Angebote, das Gros der Arbeitsplätze konzentriert sind. Die Städte können die Nachfrage nicht bedienen, die Mieten schnellen aufgrund des Missverhältnisses aus Angebot und Nachfrage in die Höhe. Bei 2 Mio. m2 Büroleerstand in Frankfurt wird gerade oder besser endlich das Thema Umnutzung oder immobiliensprachlich Redevelopment angepackt. Einst leer stehende, bedrohlich wirkende Büromonster werden durch aufgelockerte Fassaden und durch Begrünung zu gesuchten „Adressen“ mit allerlei Annehmlichkeiten – wenn nicht die sonst häufig entgegenstehenden rechtlichen oder technischen Gründe dies verhindern. Soweit in Frankfurt. Anderswo schließen Pflegeheime weil sie den aktuellen Gebäudestandards nicht entsprechen, Krankenhäuser weil deren Betrieb in der Provinz unrentabel ist. Zurück bleiben große verlassene Liegenschaften. Privatwirtschaftlich lässt sich auch damit Geld verdienen, so beispielsweise Agenturen wie Camelot, die junge Personen als Hauswächter engagieren für die Objekte – diese wohnen dort und verdingen sich für eine geringe Warmmiete als Aufpasser über das Areal. Ein Kündigungsrecht gibt es nicht, rein rechtlich gesehen geht es primär ums Arbeiten, nicht ums Wohnen.
Aus Sicht der Städte und Gemeinden gibt es wenig zu gewinnen. Die Herkulesaufgabe adäquate Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur bereit zu stellen für schwindenden Nachwuchs aber steigenden Betreuungsbedarf bei Kleinkindern, für veränderte Schulbelegung durch Wegfall der Grundschulempfehlung und die Einführung der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg fordert teure Investitionen und lokal oft schmerzhafte strukturelle Veränderungen. Der finanzielle Ausblick verkündet hingegen sinkende Steuereinnahmen durch die rückläufige Zahl der Arbeitnehmer und steigende Sozialtransfers für eine alternde Bevölkerung.
Die Räume die jetzt gebraucht werden gibt es nicht. Was morgen sein wird wissen wir nicht, aber wenn es nicht gelingt flexible Räume zu schaffen mit der Option für einen anderen Zuschnitt oder eine andere Nutzung oder bezahlbaren Wohnraum für Menschen mit weniger Einkommen in Innenstädten fällt das Ideal von der europäischen kompakten, dichten und belebten Stadt dem Wandel zum Opfer.
Nur noch links um die Ecke, über die Ampel und die leicht ansteigende Straße mit den antiquierten Geschäften entlang für ein paar kleinere Besorgungen. Gerade einmal wenige Minuten Fußweg und doch beschleicht ein so ein unbestimmtes Gefühl, dass sowohl der Laden in dem schönen alten Haus keinen Pächter mehr findet, wie auch sein Pendant im Haus nebenan und das Ladengeschäft mit dem Aushang des Maklers gegenüber, das lautlos zu schreien scheint und beim Blick durch die Scheiben auf die solide Staubschicht doch das offensichtliche offenbart: hier hat schon länger keiner einen Fuß mehr herein gesetzt, geschweige denn sich für die Räumlichkeiten interessiert hat.
Das Erscheinungsbild der stolzen Einkaufsstraße in zweiter Reihe, der frequentierte Platz am Rande der Innenstadt oder das kleine Geschäftszentrum inmitten des Quartiers – in manchen Fällen wirkt es wie im Zeitraffer, in anderen quälend langsam wie das lebendige und geschäftige dass diese Orte einst ausgezeichnet hat zu entweichen scheint. Der Glaube ist abhanden gekommen, die Hoffnungslosigkeit hat gesiegt, die Schlacht ist geschlagen - es lebe der Online-Handel - willkommen auf dem virtuellen Marktplatz der unbegrenzten Konsumbefriedigung! Wirklich? Zustände wie in Korea, wo man selbst das tägliche Einkaufen über das Scannen des QR-Codes an der Fototapete des Bahnhofs erledigt und der Lieferwagen kurz nach der Ankunft die Waren vor die Tür gestellt hat: Virtual Subway Store - let the store come to the people. In Zeiten wo selbst die Media-Markt/Saturn-Kette im Elektronikfachmarktbereich trotz weltweiter Marktdominanz sich nicht mehr dem boomenden Online-Handel erwehren kann und nun selbst diesen forcieren will um eine Trendwende zu schaffen scheint das folgerichtig, zunächst. Überrascht noch jemanden ernsthaft, dass der Online-Handel zweistellig in Deutschland wächst (10,1% in 2011), reflektieren wir doch für eine Minute unser eigenes Einkaufsverhalten und denken an die Preisdifferenz gegenüber Aufschläge für Miete, Personal oder den erleichterten Zugang, die endlose Auswahl, die erlassene Versandgebühr, etc. Was bleibt am Ende übrig, Verkaufsraum im Überfluss? Von den Symptomen über die Ursachen zur Prognose lautet die Antwort: Ja. Und doch nicht so eindeutig. Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend. Warum nicht einen solchen mitgestalten.
Unterscheiden wir zunächst Gebiete die vornehmlich durch Wohnen geprägt sind und Geschäftszentren. Für erstere sehe ich eher ein konzeptionellen Ansatz geeignet, der Einsicht voraussetzt, v.a. bei den Eigentümern. Dass die guten alten Zeiten vorbei und Mietabschläge oder der ein oder andere Euro an Investitionen Mittel der Wahl sind für eine andere Zukunft. Die getragen sein könnte von Büros, Gründern, sozialem Unternehmertum, Kleinkindbetreuung die Aktivität in vormalige Ladengeschäften bringen - unterbrochen von kleinen Cafés zum Auftanken für die Anwohner, Erwerbstätigen. Rückbesinnung auf das was nach dem Abzug eines Großteils unseres Freizeit- und Einkaufsverhaltens in die Online-Welt von dieser nicht oder zumindest nicht gleichwertig kompensiert werden kann: Soziale Kontakte, Atmosphäre, räumlicher Bezug und Nähe. Es entsteht Raum für Gemeinschaft, für nachhaltiges Wirtschaften und neue Ideen. Und führt zur Aufwertung des Viertels, das dadurch attraktiver erscheint, von sich reden macht und bei Anbruch der Dämmerung zu leuchten beginnt. Wer könnte sich nicht mit einem solchen Szenario identifizieren, schaut er heute nochmal hin?
In Geschäftszentren hingegen differenziert sich die Einkaufslandschaft aus: Neben Einzelhändlern, die ihre Flächen verkleinern, geringere Mieten verhandeln solche die mehrgleisig fahren, mit Verkauf über Internet, Versand und über die bestehenden Geschäfte. Zuwachs kommt von überraschender Seite: Aus dem Internet. Die neuen E-Commerce Strategen beginnen stationäre Läden mit einzubeziehen in das Gesamtkonzept, wollen potentiellen Kunden Waren „nahe bringen“ und dem nüchternen Einkaufserlebnis am Bildschirm etwas mit allen Sinnen erfahrbares entgegensetzen. Spannende Zeiten, sofern man sich mit kommenden und gewünschten Entwicklungen beschäftigt und die richtigen Lehren zieht.
Idee auf Basis eines Artikels in der Immobilienwirtschaft 07/08 2012
Beteiligung und Kommunikation steht oben auf der Agenda, keine Frage. Gleich mehrfach drängt das Thema im Bezug auf städtebauliche Projekte und Zukunftsentscheidungen dieser Tage in die Welt der Planer und Architekten.
Anwohnerbeteiligung, Integration, Brachflächenrevitalisierung, ... dicke Bretter? Mag schon sein. Aber ein städtebauliches Projekt, das all dies schafft und dabei ein vielbeachtetes und gestalterisch innovatives Ergebnis mit sich bringt ermutigt zum bohren. Die Kopenhagener Stadtverwaltung zeigt einmal mehr den Weg auf in Richtung sozial nachhaltiger und für Bürger attraktiver Stadtentwicklungspolitik. Der Landschaftspark Superkilen in Kopenhagen, inmitten eines dichten und durch vielfältige Kulturen und Nationalitäten geprägten Quartiers ging aus einem Wettbewerb hervor, den das dänischen Architekturbüro BIG in Verbindung mit dem Berliner Büro Topotek 1 für sich entscheiden konnte. Das Konzept besteht aus drei unterschiedlich geprägten Zonen: eine grüne Erholungs- und Sportfläche, einen modernen, roten multifunktionellen Bereich sowie einen schwarzen, klassisch mit Brunnen und Bänken gehaltenen, Platz. Für Aufmerksamkeit sorgt die Zusammenstellung des Stadtmobiliars aus den jeweiligen Kulturen der Nachbarschaft. Dabei wurden prägende Elemente wie Bänke, Leuchten, Bäume oder Beschilderung entweder aus den Herkunftsländern direkt importiert oder 1:1 vor Ort nachgebaut. Öffentlicher Raum mit internationalem Flair für alle als bemerkenswerte und mutige Alternative zu einer Stadtentwicklungspolitik die auf architektonische Leuchttürme als Mittel setzt, internationale Ausstrahlung vermitteln zu wollen. Orientierung bietet der deutsche Soziologe Max Weber für den Politik „ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“ ist.
Quelle: Projektreferenz auf der Webseite des Künstlerkollektivs Superflex
Das „Traum-Projekt“ des sozialistischen Pariser Oberbürgermeister Delanoë geht in die Umsetzung. Ziel ist es die Stadt und die Menschen wieder an die Seine zu bringen. Bislang wurde der Zugang zum Fluss in weiten Teilen durch autobahnähnliche Verkehrsschneisen auf beiden Seiten unterbunden. Die aktuell angelaufende Maßnahme ist ein weiterer Baustein eines umfassenden Mobilitätsstrategie, nach dem Ausbau der Busspuren und Fahrradwege oder der Implementierung des in Paris sehr rege genutzten Fahrradverleihsystems. Zur Eröffnung der mehrspurigen Uferstraße 1960 hatte der damalige französische Präsident noch getönt „Paris must adapt to the car“ – schien also nicht viel anders zu laufen als in Stuttgart und anderen autogerechten Großstädten in diesen Tagen… Erhoffte Wirkung des Projekts: Minus 10% Autoverkehr über die kommenden 5 Jahre (konform mit dem Trend seit Amtsantritt 2001 von 2% weniger pro Jahr).
A place of life, beauty and culture soll entstehen und wer weiß ob da nicht auch der Blick über den Tellerrand nach Lyon mit seiner nach Umbau äußerst lebendigen Uferpromenade den Anstoß für dieses Projekt gegeben hat. Meine eigene Konzeptarbeit zur Umgestaltung des durch Verkehr geplagten nördlichen Themse-Ufers zu einer Victoria ArtBankment (Link zu Embankment Projekt) weist ebenfalls eindeutige Parallelen auf.
Den Kosten im mittleren, zweistelligen Millionen-Bereich steht die Verwertbarkeit von öffentlicher Flächen in großem Umfang für mehr Cafés, Bars, Fußgängerbereiche und Stege für elektrobetriebene Ausflugsboote gegenüber. Sicher nicht zum Nachteil für die angrenzenden Gebäude und Handelsflächen und den Tourismus. In diesem Sinne hinfahren und anschauen! Bei dieser Gelegenheit empfehle ich gleich eine Besichtigung des Parc André Citroen im Südwesten der Stadt als Vorzeigeprojekt (z.B. für Stuttgart) für eine gelungene Revitalisierung einer durch Automobilproduktion geprägten Fläche in einen innovativen Landschaftspark mit großartigen Themengärten und - durch Umleitung des Verkehrs - direkt an der Seine gelegen.
Quelle: Artikel in der NYTimes vom 7.08.2012
Chinas High-Speed Urbanismus in der Endlosschleife. Aktuelle Folge ‚Spanien’. In diesem Jahr wird im Reich der Mitte soviel verbaut wie die iberische Halbinsel Wohnungen für ihre Bewohner und ausländische Anleger bereithält. Für die nächsten Jahre bis 20zwanzig sollen in zwei durchschnittlichen Metropolen laut Bauplänen ganz Schweden und Polen nachgebaut werden, in Peking entsteht ein Abbild der Schweiz - nicht dem Stil nach aber dem Umfang an Wohnraum. Vor dem inneren Auge schweifen Kolonnen von Wanderarbeitern vorbei, Wohnetage stapelt sich auf Wohnetage, immer höher geht es, bis wir aus schwindelerregenden Höhen das Ausmaß erfassen, mit dem hier die chinesische Zukunft auf viele Jahre hin zementiert wird.
Die Umsetzung zeitgemäßer Energiestandards ist eine andere Baustelle, hier ist wenig Fortschritt zu erkennen: 9 von 10 fertiggestellten Wohnungen weisen energetische Defizite auf. Kommt nach dem Bauboom der Dämmungsboom?
Die europäische Idealvorstellung mit durchmischten Quartieren, kurzen Wegen zu allen Notwendigkeiten des täglichen Bedarfs, einer lebendigen Nachbarschaft, individueller und energieeffizienter Architektur mögen nicht so recht zusammenpassen mit dem was in China passiert – sozio-kulturell, wirtschaftsdynamisch und nachfragetechnisch prallen hier nach wie vor Welten aufeinander – und doch kann nachhaltige Entwicklung nie isoliert erreicht werden sondern nur in einem globalen Kontext, durch vorausschauendes Handeln und angepasste Lösungen. Wenig Neues aber leider auch nicht in ausreichendem Maße Wirklichkeit.
Quelle: Kurznachricht in zeo2 - das Umweltmagazin, 03/2012